Ein Blümelein am Wege

Ein Blümelein am Wege steht,
So zart, so fein und schön.
Nicht jeder der vorüber geht
Kann dieses Blümlein sehn.

Ein jeder strebt dem Ziele zu,
Er hat so viel zu tun.
Bei Dingen die am Wege stehn
Ist keine Zeit zum ruh'n.

Die Fahrzeug' die vorübergehn,
Sie wirbeln Staub empor.
Doch unter dieser grauen Last
Schauts Blümlein scheu hervor.

Da kommt ein schöner Regenguß,
Ist wieder rein die Luft.
Das Blümlein blüht in seiner Pracht,
Verbreitet seinen Duft.

Ein Mütterlein des Weges kommt,
Schaut nicht nach links noch rechts,
Sie wird des Blümeleins gewahr
Und meint: Hier gibts nichts echt's!

Sie gräbt es mit den Wurzeln aus
Und trägt es in der Hand.
Sie nimmt es mit und bringts nach haus
Und pflanzt es in das Land.

Im Garten wächst es wunderschön.
Begossen und gehegt,
Da blüht es schön und duftet süß,
Dankt der, die es gepflegt.

War ich nicht auch wie's Blümelein?
Ich stand am Wegesrand.
Verachtet und mit Staub bedeckt,
Da fand mich deine Hand!

Du wuschest mich und nahmst mich auf.
Und führtest mich nach haus.
Versetztest mich in gutes Land,
Fern von dem Weltgebraus.

Hilf, daß ich wachse in Geduld
Und blüh zu deiner Ehr.
Verbreite einen guten Duft,
Du bist mein Gott mein Herr!

Den 14. Januar, 1988